Selektion in der Zucht - Fluch oder Segen?

"Selektion engt das Genom ein", sagen die einen - "Ohne Selektion verlieren wir unsere Rassen", sagen die anderen. Wem soll man glauben in Zeiten, in denen Mischlingsvermehrung scheinbar en vogue ist?

Anfang des 16. Jahrhunderts entwickelten sich ursprünglich in der Jagdhundezucht Standards (Rassebeschreibungen), in denen eindeutig geforderte Merkmale festgelegt wurden. Dies war lange vor den ersten Hundeausstellungen in London und Paris der Startschuss für die Entwicklung der gelenkten Rassehundezucht.

Rassehundzucht muss in Grenzen von Rassebildern bleiben und gezielt auf bestimmte Merkmale achten und selektieren. Die Rassen würden sonst schnell ihre Charakteristika in Aussehen und Wesen verlieren und zurück in Schläge verfallen, wie die früher häufig anzutreffenden Landschläge der verschiedenen Regionen mit ihrer großen Variabilität.

"Hurra!" - würden die rufen, die ohnehin dem Rassehund nichts abgewinnen können und im Mischling den eigentlich erstrebenswerten Hund sehen. Tief betroffen wären aber jene, die im Rassehund auch Kultur und Welterbe der Menschheit finden.

Der Züchterkreis für den ZKR Retromops® vertritt klare Standpunkte:
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Berechtigt in der Kritik stehen Selektionen auf übertypisierte, krankmachende Extreme. Eine Zuchtauswahl, die übertriebene menschliche Designerfantasien befriedigt und dabei die Qual von Lebewesen in kauf nimmt, verbietet sich selbstredend!
- Wir negieren ebenfalls eine Selektion, die unzureichend validierten medizinischen Annahmen folgt und/oder zu viele Rassevertreter eliminiert (siehe HD-Kompendium des ZKR). Der imaginäre Vorteil eines hypothetisch angenommenen Erfolges unterläge letztlich dem realen Nutzen für die Rasse. Selektion auf ideale Einzelaspekte darf nicht zu Lasten der Existenz einer ganzen Rassepopulation betrieben werden!

Der ZKR ist sich der besonderen Verantwortung auf seinem speziellen Zuchtweg bewusst:
Weder wesentliche Veränderungen des tradierten Rassebildes wie Größe, Haarkleid etc., noch die Inkaufnahme von zu erwartenden quälenden Zuchtmerkmalen wie extrem runde Köpfe oder starke Vorbisse dürfen von uns in der Zucht des ZKR Retromops® toleriert werden.
Die angesprochenen Merkmale müssen von uns züchterisch durch gezielte Selektion
- zum Teil erhalten werden (bspw. Haarstruktur und Größe),
- zu einem weiteren Teil aber deutlich graduell begrenzt werden (wie Rundköpfigkeit oder die damit einhergehende Neigung zu starken Vorbissen).

Gerade da wir über Auszucht das Genom einer Rasse vergrößern, müssen wir anschließend wieder sinnvoll selektieren, um einerseits gemäßigt zum Rassebild zurückkehren zu können - andererseits ungute bekannte Tendenzen zu eliminieren bzw. zu begrenzen. Wer wie wir eine Rasse mittels einer Fremdrasseneinzucht zu deren Vorteil zu verändern sucht, zugleich jedoch jegliche Selektion als "genomschmälernd" ablehnte, müsste sich ansonsten ernsthaft fragen lassen, ob er überhaupt an der Rasse interessiert ist.
Jede seriöse Zucht muss zudem ein waches Auge auf Merkmale halten, die direkt oder in späteren Generationen, vielleicht auch durch Kumulation, zu Leiden führen könnten und äquivalent-selektiv Konsequenzen ziehen!
Der Züchterkreis für den Retromops arbeitet in diesem Sinne nun schon viele Jahre - seit 2009 einer einheitlichen Zuchtordnung unterstehend - mit sehr dezidierten, genau erwogenen und populationsgenetisch vertretbaren Zuchtstrategien. Das Zuchtgeschehen im ZKR wird auch in Hinsicht auf Erbkrankheiten in hierzu angelegten und getrennt verwalteten Datenbanken dokumentiert.

Gerade ein neues Zuchtmodell wie die Retromopszucht muss also, wenn es Ziel führend und zukunftsorientiert sein soll, in einer reglementierten Gemeinschaft betrieben werden! Die klar definierte Gemeinschaft für die Zucht einer speziellen Rasse bzw. Zuchtform bildet eine essentielle Grundlage für die Zucht mit den besten Paarungspartnern. Nur eine reglementierte Gemeinschaft kann überhaupt mittels genauer Dokumentation des Zuchtgeschehens eine Basis für die Folgegenerationen schaffen, was Erbgesundheit, Rassemerkmale und Wesen der Zuchtprodukte angeht.